Sprache & Gedächtnis

Wie beeinflusst Sprache unsere Erinnerung?

Sprache beeinflusst die Wahrnehmung der Welt aber nicht nur in der Gegenwart, sondern erstreckt sich auch auf die Vergangenheit. Dabei stellt die Erinnerung als solche bereits keine objektiven Abbilder der Vergangenheit dar. Stattdessen erinnern wir uns durch Re-Konstruktionen, die sprachlich weitergegeben werden.

"Memories are all we get to keep from our experience of living, and the only perspective that we can adopt as we think about our lives is therefore that of the remembering self."

- Daniel Kahneman -

Erinnerungen sind ein fundamentaler Bestandteil des menschlichen Seins und der menschlichen Psyche. Unsere Erinnerungen an die Vergangenheit sind in unserem Denken aber nicht als Ganzes gespeichert, sondern werden jedes Mal, wenn wir sie aufrufen re-konstruiert. Das heißt aber auch, dass unsere Erinnerungen nicht statisch sind, sondern sich in einem kontinuierlichen Fluss befinden.

 

Das experiencing self der menschlichen Psyche, das sich auf die Gegenwart konzentriert, steht dabei dem remembering self des Menschen gegenüber. Was wir erleben, muss nicht notwendigerweise das sein, was wir erinnern. Wie wir die Information vergangener Situationen "verpacken", beeinflusst unsere Interpretation, wenn sie in unserer Erinnerung wieder aufgerufen werden. Um es mit dem Worten Daniel Kahnemanns auszudrücken: "Odd as it may seem, I am my remembering self, and the experiencing self, who does my living, is like a stranger to me.”

"Ideas come and go, stories stay."

- Nassim Nicholas Taleb -

Wir erinnern uns an die Vergangenheit in Form von Geschichten. Die Geschichten, die wir uns selbst von der Vergangenheit erzählen, dienen auch dazu, uns selbst die Welt zu erklären. Wir bevorzugen dabei einfache Erklärungen, unabhängig davon, ob sie mit der (vermeintlichen) Realität harmonisieren oder nicht.

 

Die Geschichten, an die wir uns erinnern, sind also nicht notwendigerweise diejenigen, die mit der (vermeintlichen) Realität am meisten übereinstimmen, sondern diejenigen, die am besten mit unserem Weltbild harmonisieren und dabei die einfachsten Erklärungen bieten. Und diese möglichen narrative fallacies beeinflussen unsere Deutung der Gegenwart und Zukunft.

"Zensur bedeutet die Eliminierung von Gegen-Erinnerungen und mit ihnen verknüpften Ansprüchen."

- Jan Assmann -

Das Gedächtnis, mit dem wir Erinnerungen speichern und aufrufen, ist aber auch sozial bedingt und somit auf Kommunikation angewiesen. Der Heidelberger Ägyptologie Jan Assmann unterteilt in seinen Auseinandersetzungen mit antiker Mythologie dieses sozial bedingte, kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft in ein kommunikatives Gedächtnis und ein kulturelles Gedächtnis. Das kommunikative Gedächtnis bezieht sich auf die unmittelbare Vergangenheit, die noch mündlich durch Zeitzeugen erinnert werden kann. Das kulturelle Gedächtnis hingegen wird durch Verschriftlichung und Medien konstituiert.

 

Die Frage, was wie erinnert werden kann, schließt an das Zusammenspiel von Macht und Erinnerung an. Durch Sprache kommunizierte und dadurch re-konstruierte Erinnerungen dienen als Legitimation von Macht. Eine mögliche Zensur bedeutet nach Assmann demnach auch die "Eliminierung von Gegen-Erinnerungen und mit ihnen verknüpften Ansprüchen".



Weiterführende Literatur zu "Sprache & Gedächtnis"

  • Angelova, Penka (1995): „Strategien des Schweigens im Machtdiskurs der Diktaturen.“. In: Steinke, Klaus (Hrsg.): Die Sprache der Diktaturen und Diktatoren. Beiträge zum internationalen Symposion an der Universität Erlangen vom 19. bis 22. Juli 1993. Heidelberg: Winter, S. 293–306.
  • Assmann, Aleida; Assmann, Jan (1994): „Das Gestern und Heute. Medien und soziales Gedächtnis.“. In: Merten, Klaus; Schmidt, Siegfried J.; Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen: Westdt. Verl., S. 114– 140.
  • Assmann, Jan (1988): „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität.“. In: Assmann, Jan; Hölscher, Tonio (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 9–19.
  • Assmann, Jan (2005): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: Beck.
  • Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (2010): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch-Verl.
  • Echterhoff, Gerald; Saar, Martin (2002): „Einleitung. Das Paradigma des kollektiven Gedächtnisses. Maurice Halbwachs und die Folgen.“. In: Echterhoff, Gerald; Saar, Martin (Hrsg.): Kontexte und Kulturen des Erinnerns. Maurice Halbwachs und das Paradigma des kollektiven Gedächtnisses. Konstanz: UVK-Verl.-Ges., S. 13–35.
  • Fraas, Claudia (2000): „Begriffe – Konzepte – kulturelles Gedächtnis. Ansätze zur Beschreibung kollektiver Wissenssysteme.“. In: Schlosser, Horst Dieter (Hrsg.): Sprache und Kultur. Frankfurt am Main; Berlin; Bern; Wien [u.a.]: Lang, S. 31–45.
  • Fraas, Claudia (2005): „Schlüssel-Konzepte als Zugang zum kollektiven Gedächtnis – Ein diskurs- und frameanalytisch basierter Ansatz.“. In: Deutsche Sprache 3/2005, S. 242–257.
  • Halbwachs, Maurice (2006): Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Kahneman, Daniel (2011): Thinking, Fast and Slow. London: Penguin.
  • Neisser, Ulric (1997): „The ecological study of memory.“. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences 352(1362), S. 1697–1701.
  • Schwartz, Barry (2004): The Paradox of Choice. Why More is Less. New York: Harper Collins Publishers.
  • Straub, Jürgen (2001): „Über das Bilden von Vergangenheit. Erzähltheoretische Überlegungen und eine exemplarische Analyse eines Gruppengesprächs über die ,NS-Zeit“. In: Rüsen, Jörn (Hrsg.): Geschichtsbewußtsein. Psychologische Grundlagen, Entwicklungskonzepte, empirische Befunde. Köln; Weimar [u.a.]: Böhlau, S. 45–113.
  • Surprenant, Aimee M.; Neath, Ian (2007): Principles Of Memory. Psychology Press Ltd.
  • Taleb, Nassim Nicholas (2010): The Black Swan. The Impact of the Higly Improbable. New York: Random House Trade Paperbacks

Dr. Clara Herdeanu

Sprachliche Realitäten

Reflexionen einer Linguistin über Sprache, Macht und Medien

Jeder von uns verwendet Sprache. Jeden Tag. 

 

Sprache prägt unser Denken und unsere Weltbilder. Mit Sprache wird in sozialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen Macht ausgeübt. Mit linguistischen Analysen lässt sich Licht in das Spannungsfeld von Sprache, Macht und Medien bringen.


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