Gefangen in der Höhle

"Flüchtlingsstrom, Flüchtlingsflut, Flüchtlingswelle, Flüchtlingsschwemme“ in Europa

In der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte um Geflohene und Asylsuchende geht es primär nicht um Fakten – es geht in erster Linie um kognitive Deutungsrahmen, von Sprachwissenschaftlern auch Frames genannt. Dies mag sich abstrakt anhören – im Grunde genommen ist es aber ganz einfach und lässt sich in drei Schritten erklären.

Wie kann ich einem Blinden die Farbe Gelb erklären?

Erstens: Alles was wir von der Welt um uns herum wahrnehmen, nehmen wir durch unsere Sinne wahr.  Durch unsere Augen können wir sehen, durch unsere Ohren hören, durch unsere Nase riechen, durch unsere Haut fühlen. Sind einer oder mehrere dieser Sinne beeinträchtigt, wirkt sich das schlagartig auf unsere Wahrnehmung der Welt aus. Sie möchten ein Beispiel? Versuchen Sie einmal einem Blinden die Farbe Gelb zu erklären oder einem Tauben Musik.

Wer hat Cäsar erstochen?

Zweitens: Da wir Menschen nicht immer überall sein können, können wir nicht alle Ereignisse im Hier und Jetzt selbst wahrnehmen.

 

Wir können aber mit anderen Menschen über Ereignisse, Personen, Dinge etc. reden – und dazu verwenden wir Sprache. Sie möchten ein Beispiel? Waren Sie dabei, als Cäsar im Jahre 44 n. Chr. in Rom erstochen wurde? Wahrscheinlich nicht. Aber wir wissen von diesem Ereignis, weil es uns schriftlich überliefert wurde.

Sprache ist kein neutrales Medium, das die Welt 1:1 unverfälscht abbildet.

Sprache wiederum ist aber kein neutrales Medium, das die Welt 1:1 unverfälscht abbildet. Wir können uns mit unterschiedlichen Wörtern und Formulierungen auf ein und dasselbe Ereignis, Ding oder Person beziehen und dabei unterschiedliche Wertungen mitfließen lassen. Waren die Personen, die Cäsar erstochen haben, Terroristen oder Freiheitskämpfer?

 

Beide Wörter aktivieren verschiedene Frames, also Deutungs- oder Wissensrahmen: Wir hören Terrorist und denken an einen unrechtmäßigen Einsatz von (sinnloser) Gewalt, an unschuldige Menschen, denen Schaden zugefügt wurde, an Blut, tote Menschen, an Schmerzen, an trauernde Angehörige und empfinden Angst vor und Wut auf den Terroristen.

Wörter aktivieren Frames, also Deutungs- oder Wissensrahmen.

Bei dem Wort Freiheitskämpfer hingegen denken wir unbewusst an das Eintreten für große Ideale wie Freiheit und an Opferbereitschaft – allesamt positiv besetzte Eigenschaften.

 

Beide Wörter beziehen sich auf ein und dieselben Personen aktivieren aber verschiedene Rahmen an Wissen. Diese Wissensrahmen bilden den Hintergrund, von dem aus wir die Wörter deuten und verstehen. Sprache formt also unser Denken und somit eben auch unsere Weltbilder.

Gefangen in der Höhle

Drittens: Wir Menschen sind bei unserer Wahrnehmung der Welt also zum einen an unsere Sinne und zum anderen an unsere Sprache gebunden, die unser Abbild der Welt beeinflussen.

DIE eine, unverfälschte und objektive Realität gibt es nicht.

Das heißt aber auch, dass es DIE eine, unverfälschte und objektive Realität gar nicht gibt. Es gibt lediglich Abbilder der Welt, die durch Sprache mitgeformt werden.

 

Der griechische Philosoph Platon hat dies bereits in seinem berühmten Höhlengleichnis versucht zu beschreiben. Die Menschen sind in einer Höhle gefangen, in der sie lediglich Schatten, also Abbilder, der Dinge aber nicht die Dinge an sich sehen können.

 

Bei gesellschaftspolitisch hoch relevanten Ereignissen wie zum Beispiel der Tatsache, dass zurzeit viele Menschen nach Europa fliehen, zeigt sich diese wirklichkeitsprägende Kraft von Sprache besonders deutlich - unter anderem auch deshalb, weil hier verschiedene Weltbilder und Deutungen der Welt aufeinanderprallen und so umso emotionaler kommuniziert wird.

Flüchtlingsstrom, Flüchtlingswelle, Flüchtlingsschwemme, Flüchtlingsflut – eine unkontrollierbare Naturgewalt?

Unser Weltbild wird dabei oft auf einer sehr indirekten und unauffälligen Weise von Sprache beeinflusst.

 

Hier ein Beispiel: Die in der Öffentlichkeit, den klassischen und sozialen Medien sowie in der Politik verwendeten Ausdrücke Flüchtlingsstrom (Bsp. Handelsblatt.de vom 27.02.2016, Faz.net vom 20.01.2016, eine der Bezeichnungen des Themenbereichs auf Stern.de, Video auf Bild.de), Flüchtlingswelle (Bsp. eine der Bezeichnungen des Themenbereichs auf Stern.de, Welt.de vom 29.12.2015, Faz.net vom 06.01.2016, Bild.de vom 07.12.2015), Flüchtlingsflut (Bsp. Bild.de vom 16.04.2015, Democraticpost.de vom 01.10.2015) und Flüchtlingsschwemme (Bsp. Twitter-Hashtag #fluechtlingsschwemme), scheinen auf den ersten Blick nichts Anderes auszudrücken als die Formulierung „eine große Zahl an Menschen, die hierher fliehen". Dies ist allerdings ein Trugschluss.

 

Bereits das Wort Flüchtling birgt negative Deutungen in sich. Die Endung -ling wird in der deutschen Sprache im allgemeinen einem Verb angehängt, um eine Personenbezeichnung zu formen. Es ist aber gleichzeitig auch eine Verkleinerung, die mit einer indirekten, negativen Bewertung einhergeht: Ein Dichterling ist ein kleiner Dichter, der gerne schreiben könnte, es aber nicht kann. Noch negativer wird die Bewertung bei Wörtern wie Lüstling. All diese Bedeutungselemente werden unbewusst aktiviert, wenn das Wort Flüchtling verwendet wird.

 

Und auch die zweiten Teile der Wörter Flüchtlingsstrom, Flüchtlingswelle, Flüchtlingsflut und Flüchtlingsschwemme tragen indirekte Bewertungen mit sich: Die Wörter Strom, Welle, Flut und Schwemme rufen Frames einer unkontrollierbaren, potentiell gefährlichen und zerstörerischen Naturgewalt auf.

 

Außerdem werden die zahlreichen Menschen, die mit unterschiedlichen Hintergründen, Geschichten und Schicksalen vor Krieg, Verfolgung und Not fliehen, damit zu einer homogenen, amorphen, anonymen und bedrohlichen Masse zusammengefasst - mit anderen Worten: Dieses sprachliche Bild weckt Angst.

Es geht nicht um Political Correctness

Am Schluss dieses kleinen sprachwissenschaftlichen Exkurses zu einer aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte gilt es eines festzuhalten: Es geht hier nicht um political correctness und um irgendwelche vermeintlichen Befindlichkeiten. Es geht um einen realistischen und reflektierten Umgang mit unseren eigenen Weltbildern und denen unserer Mitmenschen.

 

Realistisch in dem Sinne, dass wir uns darüber klarwerden, dass wir überhaupt nicht objektiv denken können und unsere Wahrnehmung und Sprache unser Denken und somit auch unsere Weltbilder beeinflussen.

 

Reflektiert deshalb, dass wir versuchen, kritisch zu hinterfragen, weshalb wir überhaupt zu bestimmten Deutungen gelangen. Diese aufgeklärte und sachliche Auseinandersetzung damit, wie in der Öffentlichkeit und Politik über Ereignisse und Personen(-gruppen) gesprochen wird, ist der beste Schutz vor Manipulationen.


Zuerst erschienen auf The Mig Post im März 2016


Dr. Clara Herdeanu

Sprachliche Realitäten

Reflexionen einer Linguistin über Sprache, Macht und Medien

Jeder von uns verwendet Sprache. Jeden Tag. 

 

Sprache prägt unser Denken und unsere Weltbilder. Mit Sprache wird in sozialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen Macht ausgeübt. Mit linguistischen Analysen lässt sich Licht in das Spannungsfeld von Sprache, Macht und Medien bringen.


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