"Nennt mich Ausländer!"

Der Hintergrund im Vordergrund

Kleine Terminologie der Migrationsdiskurse

„Nennt mich Ausländer!“ titelt ein aktueller FAZ-Artikel und stößt eine weitere Debatte um (politisch) korrekte Bezeichnungen an. „Zu viel an political correctness“, mag da der eine oder andere denken und entnervt die Augen verdrehen.

 

Dabei wird verkannt, dass wie wir die Welt um uns herum mit Sprache fassen, Einfluss darauf hat, wie wir die Welt sehen. Denn Sprache bildet die Welt nicht ab; im Gegenteil, mit Sprache schaffen wir uns die Welt. Deshalb sind Widersprüche gegen Bezeichnungen wie zum Beispiel Ausländer auch kein Spiel mit übertriebenen Eitelkeiten.

Sprache bildet die Welt nicht ab, mit Sprache schaffen wir uns die Welt.

Allzu oft werden in öffentlichen Diskursen über vermeintliche Ausländer, Armutsflüchtlinge oder Sozialbetrüger diese als Projektionsfläche für Überfremdungsängste und Sorgen um den eigenen Wohlstand missbraucht. Doch nicht nur solch eindeutig diffamierende Ausdrücke sind im öffentlichen Diskurs über Migration kritisch zu betrachten.

„Integrieren müssen sich die Anderen“

Integration ist seit Jahren ein beliebtes Schlagwort. Im Gegensatz zu konkreten Wörtern wie Tisch, Kaffee, Katze etc. bezeichnet es etwas Abstraktes; etwas, das nicht mit den Händen greifbar ist. Die genaue Definition bleibt diffus und wird zum Zentrum eines sogenannten semantischen Kampfes: Die gleiche Buchstabenabfolge I-n-t-e-g-r-a-t-i-o-n wird mit unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt, die sich zum Teil widersprechen. Steht Integration für gemeinschaftliche Inklusion? Oder konstruiert das Wort bestimmte Menschengruppen als „Andere“, die sich primär durch ihr Defizit auszeichnen – d.h. ihrer Abweichung von der vermeintlichen Norm? In dieser Verwendung impliziert Integration eine strukturelle Asymmetrie, einen Gegensatz „Dominanzgesellschaft vs. die Anderen“: Integrieren müssen sich die Anderen.

Die Mehrheitsgesellschaft verfügt im öffentlichen Diskurs über Deutungshoheit.

Die Mehrheitsgesellschaft verfügt im öffentlichen Diskurs über Deutungshoheit. Sie kann deshalb bestimmte Bedeutungen im Diskurs dominant setzen. So kann mit dieser vermeintlich wertfreien Bezeichnung ein Machtgefälle ausgedrückt werden, dem sich die Schwächeren, die „Anderen“ fügen müssen. 

 

Hinzu kommt, dass die Dominanzgesellschaft damit auch die Verantwortung von sich weist. Gelingt Integration nicht, sind die „Anderen“ schuld, die sich „nicht integrieren wollen“.

Der arbeitende Gast

In den Wirtschaftswunderzeiten der 1960er verrichtete der typische Gastarbeiter im öffentlichen Bewusstsein unqualifizierte Arbeit, stammte aus den Mittelmeerländern und war nur für eine begrenzte Zeit in Deutschland. Ursprünglich als freundlich klingendere Alternative zu Fremdarbeiter gebraucht, zog der Ausdruck Kritik an: Das Wort Gastarbeiter hat eine sich selbst widersprechende Benennungslogik; ein Gast arbeitet schließlich nicht. Zum anderen suggeriert der Ausdruck einen betont provisorischen Charakter. „Gäste müssen je nach Laune des Gastgebers auch wieder gehen“, wie die Linguisten Matthias Jung und Thomas Niehr betonen.

 

Ab Ende der 1960er war der Ausdruck auch in rechtsextremen Parolen prominent und es wurde ein Gastarbeiterproblem konstatiert. Fremdenfeindliche Handlungen relativieren sich somit als Reaktionen auf ein unabhängig davon bereits bestehendes Problem. Mit dem Anwerbestopp 1973 wurde das Gastarbeiterproblem schließlich zum breiter gefassten Ausländerproblem.

Ausländer – Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft oder ohne deutsche Kultur?

Ausländer sind nach rechtlicher Definition Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Im öffentlichen Diskurs ist die Bezeichnung Ausländer aber zumeist ein negativ besetztes Wort, das nicht viel Ähnlichkeit mit der neutralen juristischen Lesart aufweist. In dem öffentlichen Diskurs steht die Bezeichnung Ausländer in Abgrenzung zu Deutschen. Ausländer zeichnen sich primär dadurch aus, dass sie nicht der vermeintlich typisch deutschen Mehrheitsgesellschaft entsprechen – unabhängig davon, ob sie einen deutschen Pass besitzen oder nicht. Und unabhängig davon, ob sie in Deutschland geboren wurden und ihre Muttersprache Deutsch ist.

 

Mit sprachlichen Mitteln wird hier ein Machtgefälle zwischen der inländischen Mehrheitsgesellschaft und der von ihr ausgeschlossenen Gruppe aufgebaut. Die Gruppe der Deutschen wird zusammengehalten durch das, was sie gemeinsam haben. Das definierende Kriterium der Ausländer ist hingegen ihre Abweichung von der vermeintlichen Norm; so verwischt die kollektive Bezeichnung Ausländer auch individuelle Unterschiede und suggeriert, dass es sich bei den Ausländern um eine geschlossene homogene Gruppe handelt.

Der britische Banker in Frankfurt – eine „Person mit Migrationshintergrund“?

Ein Machtgefälle kann auch mit der Bezeichnung Migrationshintergrund angezeigt werden. Paradoxerweise ist der britische Banker in Frankfurt oder der US-amerikanische Journalist in Berlin kein Migrant, der sich integrieren soll – der in Deutschland geborene Türke allerdings bleibt eine Person „mit Migrationshintergrund“. Diese Bezeichnung scheint zwar politisch korrekt und neutral zu sein; aber das eigentlich Nebensächliche, der Hintergrund, rückt in den Vordergrund. Die Bezeichnung Migrationshintergrund löst das Anderssein von einer konkreten Migrationserfahrung ab und ist zeitlos gültig und auch vererbbar.

Neue Geschichten erzählen

Wie kann also über Menschen mit nicht-deutschen Hintergrund gesprochen werden? Und wie lässt sich eine konstruktive Migrationsdebatte führen? Auf jeden Fall nicht mit diffamierenden Ausdrücken wie Sozialbetrüger. Eine Möglichkeit ist die Formulierung Mensch mit Zuwanderungsgeschichte, die natürlich auch ihre Tücken hat. Das Wort Geschichte impliziert aber, dass es sich lohnt, diesen Menschen zuzuhören – und dies ist die Basis für ein gemeinschaftliches Miteinander. So können sich die Geschichten, die über „fremde“ Menschen im vereinten Europa erzählt werden, ändern.

 

Einander kennenlernen und neue Geschichten erzählen – damit nicht nur über, sondern mit den zuvor unbekannten Menschen gesprochen wird.


Zuerst erschienen auf dem Blog der Deutschlandstiftung Integration (eingestellt) im März 2015


DR. CLARA HERDEANU

SPRACHLICHE REALITÄTEN

Reflexionen einer Linguistin über Sprache, Macht und Medien

Jeder von uns verwendet Sprache. Jeden Tag. 

 

Sprache prägt unser Denken und unsere Weltbilder. Mit Sprache wird in sozialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen Macht ausgeübt. Mit linguistischen Analysen lässt sich Licht in das Spannungsfeld von Sprache, Macht und Medien bringen.


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