Terminologie zum Terrorismus in Hanau

Ein linguistischer Kommentar

MiGAZIN-Kolumne vom Februar 2020

Hanau, 19.02.2020: Ein Mann erschießt neun Menschen in einer Bar und einem Kiosk. Sein Weltbild: eindeutig rechtsextrem.

 

In den Medien, den sozialen Netzwerken, der Öffentlichkeit und der Politik versuchen seitdem die Menschen in Deutschland sich selbst und anderen das Morden zu erklären. Aufschlussreich sind die Formulierungen, die dabei auftauchen – sei es, weil sie bewusst gewählt oder unbedacht geäußert werden. Denn nicht nur das bewusste Auswählen von Wörtern gewährt Einblicke in das Weltbild. Auch und gerade das etwaige unbedachte Reden und Schreiben zeigt auf, wie gedacht wird. Welche Spuren des Denkens offenbaren also folgende Formulierungsbeispiele?

"Fremdenfeindlich"

(gesehen zum Beispiel in der Westdeutschen Zeitung vom 20.02.2020)

 

Das Gehirn denkt in Assoziationen und Analogien – und seien es auch nur rein lautliche Parallelen wie "freundlich"  und "feindlich"; lediglich drei Buchstaben trennen diese zwei Wörter. So schwingt bei "feindlich"  im Verstehensprozess lautlich assoziativ das "freundlich" mit – und nimmt dem Ausdruck dadurch auch die Schwere.

 

Der viel wichtigere Punkt ist aber der, dass Menschen, die nicht dem eigenen Bild und Äußerem des Deutschen entsprechen immer noch als "Fremde" gelten. Und das, obwohl wir seit Jahrzehnten und zum Teil bereits in zweiter, dritter Generation in diesem Land leben.

Fakt ist: "(J)ene, die starben, sind Teil unserer Gesellschaft. Sie wurden lediglich vom Täter als Fremde markiert", wie dies die Journalistin Ann-Kathrin Büüsker im Deutschlandfunk korrekt betont.

 

"Tragödie"

(gesehen zum Beispiel im Tweet von Ursula von der Leyen vom 20.02.2020)

 

Auch wenn es eigentlich gut gemeint war, greift die Wortwahl "Tragödie" von Frau von der Leyen in diesem Fall zu kurz und damit daneben. Ein Herzinfarkt, eine Naturkatastrophe, ein unverschuldeter Unfall – all das können Tragödien sein. Mord ist allerdings in erster Linie ein Mord. Wer in solch einem Fall nur von einer "Tragödie" redet, spart aus, dass es sich um die geplante und bewusste Tat eines Menschen gehandelt hat, der anderen Menschen ganz bewusst Leid zufügen wollte.

"Shisha-Morde"

(gesehen zum Beispiel im FOCUS vom 20.02.2020 – mittlerweile abgeändert zu "Bluttat")

 

Der Ausdruck "Shisha-Morde"  haut in die gleiche Kerbe wie die unsägliche Formulierung "Döner-Morde"  für die Verbrechen des NSU – eine furchtbare Banalisierung und Clickbaitisierung des Geschehens. Als ob Shishas oder Döner für solche Taten in irgendeiner Art und Weise entscheidend gewesen wären.

 

Warum tauchen diese für das Motiv und die Tat absolut irrelevanten Objekte überhaupt auf? Es lässt sich nicht anders erklären, als dass selbst hier eine Stereotypisierung der Opfer vorgenommen wird – perfide ist, dass ihnen damit sprachlich indirekt die Singularität und Individualität abgesprochen wird und sie nur noch als stereotype Repräsentanten einer von außen an sie herangetragenen Kategorie gelten. Schubladendenken at its best!

 

Der FOCUS änderte den betreffenden Titel zwar mittlerweile ab, greift aber erneut daneben; denn die neue Überschrift "Elf Tote nach Schüssen: Hanau unter Schock: Erste Bilder nach Bluttat" verschweigt komplett das ausschlaggebende rassistische Motiv.

Terrorismus

Bereits diese kurzen Erklärungen zu ausgewählten Beispielen machen deutlich: Es ist nicht egal, wie wir über Sachen reden. Mit jeder Aussage deuten wir. Diese ernsten Stunden lehren außerdem, dass wir dieses Gewaltverbrechen nicht sprachlich relativieren und verharmlosen dürfen. Relativierungen und das Verschweigen des Motivs tragen dazu bei, Rassismus gesellschaftsfähig zu machen.

 

Spätestens nachdem mit dem Manifest und Videoaufnahmen die Belege für das rassistische Denken des Täters offenkundig waren, ist klar: Wir sollen und müssen sagen, was ist: Motiviert von Rassismus hat ein Mann in Deutschland unschuldige Menschen ermordet. Und "Straftaten (…), die mit der Absicht begangen werden, den Tod (…) zu verursachen(…), die mit dem Ziel begangen werden, die ganze Bevölkerung, eine Gruppe von Personen oder einzelne Personen in Angst und Schrecken zu versetzen" nennen die Vereinten Nationen schlichtweg Terrorismus.

 


Dieser Beitrag ist Teil der Kolumne "Sprachrealitaet" des Online-Magazins MiGAZIN.
Zuerst erschienen bei 
MiGAZIN im Februar 2020.

 


DR. CLARA HERDEANU

SPRACHLICHE REALITÄTEN

Reflexionen einer Linguistin über Sprache, Macht und Medien

Jeder von uns verwendet Sprache. Jeden Tag. 

 

Sprache prägt unser Denken und unsere Weltbilder. Sprache drückt in sozialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen Macht aus. Mit linguistischen Analysen lässt sich Licht in das Spannungsfeld von Sprache, Macht und Medien bringen.


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