Erinnerungsdiskurs

Die Befreiung von AUschwitz

Gedanken zum Erinnerungsdiskurs

MiGAZIN-Kolumne vom Januar 2020

Die Welt gedenkt der Befreiung von Auschwitz. Die Bilder und Geschichten der grausamen Verbrechen gegen die Juden und die Menschlichkeit sind in diesen Tagen damit wieder sehr präsent.

 

Leider lässt sich dieser Tage aber auch plumpe Instrumentalisierung des Gedenkens beobachten. So twitterte zum Beispiel Friedrich Merz am offiziellen Gedenktag: “75 Jahre nach der Befreiung von #Auschwitz erleben wir erneut #Antisemitismus – überwiegend von rechts, aber auch durch die Einwanderung von 2015/16. Viele bringen Judenhass mit, der in ihren Heimatländern gepredigt wird. Auch dafür darf es keine Toleranz geben. (tm) #WeRemember”.

 

Warum aber ist es überhaupt wichtig, dass und wie wir über vergangene Ereignisse sprechen? Sie sind doch eh schon passiert, man kann nichts mehr daran ändern und wie ich darüber spreche ist deshalb doch eigentlich komplett egal, oder?

Warum und wie erinnern wir?

Das Gegenteil ist der Fall: Die Ereignisse als solche sind zwar vergangen, sie wirken allerdings in die Gegenwart und Zukunft nach – eben weil und wie wir uns an sie erinnern. Die Art und Weise, was und wie wir erinnern, beeinflusst also indirekt unsere Gegenwart und Zukunft.

Individuelles Erinnern: Erlebendes Selbst vs. Erinnerndes Selbst

Aber Schritt für Schritt: Wie erinnern Menschen als Individuen und als Gesellschaften? Man könnte meinen, dass unsere Erinnerungen unveränderliche Abbilder des Erlebten sind. Dies ist allerdings ein Trugschluss. Stattdessen re-konstruiert unser Gehirn jedes Mal vergangene Ereignisse, wenn wir uns an sie erinnern – und das so, dass sie sich harmonisch in unser Weltbild einfügen.

 

Das Erinnern ist damit ein zutiefst subjektiver Vorgang, eine “goal-directed action that someone undertakes for a particular reason at a particular time and place”, wie dies der amerikanische Psychologe Ulric Neisser prägnant ausdrückt. Dies heißt auch, dass unsere Erinnerungen sich wandeln können, sie sind demnach mit den Worten der Professoren Gerald Echterhoff und Martin Saar lediglich “Vergangenheitsversionen”.

 

Gleichzeitig prägen unsere Erinnerungen, wie wir uns selbst und die Welt um uns herum sehen. Spannend wird dies insbesondere deshalb, da unser erinnerndes Selbst unserem erlebenden Selbst quasi Erinnerungsgeschichten erzählt – oder um es mit den Worten des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman auszudrücken: “Odd as it may seem, I am my remembering self, and the experiencing self, who does my living, is like a stranger to me”.

 

Zusammengefasst heißt das: Was wir erleben, muss nicht notwendigerweise das sein, was wir erinnern. Was wir heute erinnern, muss nicht dieselbe Erinnerung sein, die wir in zehn Jahren haben werden.

Kommunikatives, kulturelles und kollektives Gedächtnis

Was sich bereits auf persönlicher Ebene komplex anhört, potenziert sich, wenn viele Menschen zusammenkommen. So wie unsere individuellen Erinnerungen sind auch unsere kollektiven Erinnerungen als Gesellschaft lediglich Re-Konstruktionen des Vergangenen. Dieses Erinnern “lebt und erhält sich in der Kommunikation”, wie der Ägyptologe Jan Assmann betont. Hier kommt also die Sprache ins Spiel.

 

Das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft unterteilt sich in das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis. Ersteres sind die unmittelbaren Erinnerungen. Sie sind von den noch lebenden Zeitzeugen abhängig und werden von ihnen maßgeblich geprägt und weitergegeben. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr werden sie Teil des kulturellen Gedächtnisses, sodass sie auch von unbeteiligten Personen weitergetragen werden. All dies erfolgt über Sprache. Und da Sprache bekanntlich unsere Weltbilder prägt, beeinflusst sie auch, wie wir an Ereignisse als Gesellschaft erinnern.

 

In den Erinnerungsdiskursen über vergangene Ereignisse, also den thematischen Text- und Gesprächsnetzen, spiegeln sich sprachlich stets auch Machtverhältnisse. Re-konstruierte Erinnerungen dienen zur Legitimation von Macht. Denn wer bestimmen kann, was wie erinnert und was vergessen wird, bestimmt nicht nur die Deutung der Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und die Zukunft. Assmann drückt dies so aus: “Herrschaft legitimiert sich retrospektiv und verewigt sich prospektiv”.

Diskursive Umdeutungsversuche via Twitter

Auch wenn sie vielleicht etwas Zeit brauchen, aber diese grundlegenden Erklärungen sind wichtig. Denn viele unserer Denkprozesse laufen eben im Verborgenen, im Unbewussten ab. Wir wissen eben nicht immer, was wir warum wie denken. Gleichzeitig beeinflusst uns dies in unserem täglichen Leben – in der Art und Weise, wie wir auf die Welt schauen, wie wir über sie reden und letztendlich auch wie wir handeln. Reflektieren wir deshalb nicht stetig und ständig unsere Annahmen, Weltbilder und die Äußerungen um uns herum, machen wir uns empfänglich für Manipulationen und Instrumentalisierungen.

 

In diesem Kontext präsentiert sich der eingangs erwähnte Tweet von Friedrich Merz in einem ganz neuen Licht: Ausgerechnet am weltweiten Gedenktag der Befreiung Auschwitz verbindet er Judenhass mit den Menschen, die 2015/2016 nach Deutschland geflohen sind – und verschweigt dabei die eigentlichen historischen Täter. Wie die Politologin Natascha Strobl dazu korrekt anmerkt, baut er hier einen gefährlichen Denkrahmen auf: “Was mir als Erstes ins Auge springt ist, dass Auschwitz den ‘muslimischen Antisemitismus’ rahmt, schon optisch. Hashtag Auschwitz muslimischer Antisemitismus Hashtag We remember. Das ist perfide. Das ist wortwörtlich Framing” – und ein diskursiver Umdeutungsversuch par excellence!

 

Wie so oft gibt es bei sprachlichen Äußerungen natürlich auch einen Deutungsspielraum: Merz könnte sich damit verteidigen, dass er ja geschrieben habe, dass der Antisemitismus “überwiegend von rechts” komme. Das stimmt so. Allerdings verwendet er ebenfalls die Technik der Relativierung und des Whataboutism – gut erkennbar durch die Formulierungen “aber auch” und “auch dafür” sowie die rein quantitativen Betrachtung, wie MiGAZIN-Herausgeber Ekrem Şenol verdeutlicht: “22 Zeichen für rechten Antisemitismus, 158 Zeichen für #Antisemitismus von #Flüchtlingen”.

 

All dies zeigt, wo die eigentlichen Schwerpunkte dieses Tweets liegen – in dem perfiden Versuch, Geschichte zum eigenen Nutzen umzudeuten.

Erinnerung am Scheideweg

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sterben die letzten Zeitzeugen. Wir stehen also gerade am Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis. Relevant ist das deshalb, weil im kulturellen Gedächtnis laut Assmann “nicht faktische, sondern nur erinnerte Geschichte” zählt. Das Erstarken rechtspopulistischer und -extremer Strömungen und die Umdeutungs- oder Relativierungsversuche im öffentlichen Diskurs lassen sich auch damit erklären.

 

Wir befinden uns als Gesellschaft also gerade am Scheideweg darüber, wie wir uns in Zukunft an den Holocaust erinnern werden. Mit anderen Worten: In einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen des Holocaust sterben, legen wir als Gesellschaft fest, was heute und morgen erinnert, was vergessen und was umgedeutet wird. Und damit bestimmen wir auch, was die Grundlagen unseres gegenwärtigen und zukünftigen Handelns sein werden. Deshalb ist es mehr denn je wichtig, dass wir nicht zulassen, dass das Erinnern an diese schrecklichen Verbrechen instrumentalisiert wird.


Dieser Beitrag ist Teil der Kolumne "Sprachrealitaet" des Online-Magazins MiGAZIN.
Zuerst erschienen bei 
MiGAZIN im Januar 2020.

© Picture: Brandon Mowinkel on Unsplash


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