SPRACHE & POLITIK

Wie beeinflusst Sprache Politik und unser politisches Handeln?

"Sprache ist nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit."

- Heiko Girnth -

Politik ist Prozess (politics), Form (polity) und Inhalt (policy) von gesellschaftlicher Relevanz. Politisches Handeln erfolgt durch Kommunikation Politik ohne Kommunikation, ohne Sprache ist schlichtweg nicht vorstellbar. Sprache ist demnach nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit, wie dies der Politolinguist Heiko Girnth prägnant ausdrückt.

 

Politisches Sprachhandeln zeichnet sich dadurch aus, dass es in der Öffentlichkeit erfolgt, sich auf Gruppen bezieht, an verschiedene Adressaten gerichtet ist und sich nach Konsens bzw. Dissens orientiert.

"Sprache war und ist nirgends und zu keiner Zeit ein unpolitisches Gehege, denn sie lässt sich von dem, was einer mit dem anderen tut, nicht trennen."

- Herta Müller -

Gleichzeitig ist Sprache politisch, da ihr Gebrauch von gesellschaftspolitischer Relevanz ist. Denn Sprache ist nicht nur reine Mitteilung, sondern immer auch ein Handeln. Der Politolinguistik, die sich mit dem Spannungsverhältnis von Sprache und Politik befasst, liegt deshalb ein weites Politikverständnis zugrunde. Demzufolge kann alles, was als gesellschaftspolitisch relevant angesehen wird, zum Untersuchungsgegenstand werden.

 

Mit dem spezifischen Gebrauch von Sprache wird auch (politische) Macht ausgedrückt und ausgeübt. Diejenigen Akteure, denen es gelingt, in einem gesellschaftspolitischen Diskurs ihre Deutungen dominant zu setzen und durchzusetzen, verfügen über die Deutungshoheit und somit über Macht. Dabei sind häufig sogenannte semantische Kämpfe zu beobachten, die in Bezeichnungskonkurrenzen und Bedeutungsfixierungsversuche zu differenzieren sind. 

  1. Bezeichnungskonkurrenzen: Unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dasselbe Phänomen stehen in Konkurrenz zueinander (z.B. Revolution vs. Staatsstreich; Freiheitskämpfer vs. Terrorist).
  2. Bedeutungsfixierungsversuche: Ein und derselbe Ausdruck wird mit unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt (z.B. das Konzept der Sterbehilfe: Ist damit Hilfe beim Sterben oder zum Sterben gemeint?; oder Konzepte wie Demokratie, Freiheit, Liebe etc.).

"Frames sind in der Politik in aller Regel ideologisch selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere gedanklich unter den Tisch fallen."

- Elisabeth Wehling -

Die Macht dieser semantischen Kämpfe verdeutlicht sich an den verstehensrelevanten Wissensrahmen, den sogenannten Frames. Jedes Wort, was wir verwenden, ruft einen Frame auf – einen Rahmen an (Hintergrund-)Wissen, welchen wir benötigen, um das betreffende Wort zu deuten. Dieser von den aufgerufenen Deutungsrahmen vorhandene Hintergrund schwingt dabei aber auch immer in der Deutung des jeweiligen Wortes mit. Somit ist unser Sprachverstehen also immer auch durch die in unserem Denken unbewusst aufgerufenen Wissensrahmen beeinflusst. Diese Wissensrahmen sind wiederrum miteinander verknüpft und bilden so Netzwerke an Frames und Deutungsrahmen.

"Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache."

- Ludwig Wittgenstein -

Wörter haben also keine feststehende Bedeutung, sondern mit ihnen wird erst Bedeutung gemacht. Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein hat dies prägnant umschrieben: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache".

 

Da es sich bei den Frames um Kategorien eines sehr hohen Abstraktionsgrades handelt, empfiehlt sich für die konkrete linguistische Analyse eines gesellschaftspolitischen Diskurses die Analyse der sogenannten handlungsleitenden Konzepte: kognitive Einheiten, die in einem Diskurs dominant gesetzt werden und demnach relevant für das tieferliegende Verständnis eines Diskurses sind.



WEITERFÜHRENDE LITERATUR

  • Assmann, Aleida; Assmann, Jan (1994): „Das Gestern und Heute. Medien und soziales Gedächtnis.“. In: Merten, Klaus; Schmidt, Siegfried J.; Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen: Westdt. Verl., S. 114– 140.
  • Bucher, Hans-Jürgen; Duckwitz, Amelie (2005): „Medien und soziale Konflikte.“. In: Jäckel, Michael (Hrsg.): Mediensoziologie. Grundfragen und Forschungsfelder. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 179–199.
  • Burger, Harald; Luginbühl, Martin (Hrsg.): (2005): Mediensprache. Eine Einführung in Sprache und Kommunikationsformen der Massenmedien. Luginbühl, Martin (Hrsg.): Berlin; New York: de Gruyter.
  • Felder, Ekkehard (2009): „Sprache – das Tor zur Welt!? Perspektiven und Tendenzen in sprachlichen Äußerungen.“. In: Felder, Ekkehard; Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V. (Hrsg.): Sprache. Berlin; Heidelberg: Springer, S. 13–57.
  • Felder, Ekkehard (2011): „Linguistische Diskursanalyse im Forschungsnetzwerk Sprache und Wissen.“. In: Keller, Reiner; Schneider, Werner; Viehöver, Willy (Hrsg.): Wissen und Sprache. Wiesbaden: VS Verlag, S. 1–18.
  • Felder, Ekkehard (2012): „Pragma-semiotische Textarbeit und der hermeneutische Nutzen von Korpusanalysen für die linguistische Mediendiskursanalyse.“. In: Felder, Ekkehard; Müller, Markus; Vogel, Friedemann (Hrsg.): Korpuspragmatik. Thematische Korpora als Basis diskurslinguistischer Analysen. Berlin; Boston: De Gruyter, S. 115–174.
  • Konerding, Klaus-Peter (2009a): „Diskurslinguistik – eine neue linguistische Teildisziplin“. In: Felder, Ekkehard (Hrsg.): Sprache. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, S. 155–177.
  • Luhmann, Niklas (2004): Die Realität der Massenmedien. VS Verlag.
  • Merten, Klaus; Schmidt, Siegfried J.; Weischenberg, Siegfried (Hrsg.) (1994): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen: Westdt. Verl.
  • Reich, Kersten; Sehnbruch, Lucia; Wild, Rüdiger (2005): Medien und Konstruktivismus: Eine Einführung in die Simulation als Kommunikation. Waxmann Verlag.
  • Rhomberg, Markus (2008): Politische Kommunikation: Eine Einführung für Politikwissenschaftler. UTB.
  • Ronneberger, Franz (1974): „Die politischen Funktionen der Massenmedien.“. In: Langenbucher, Wolfgang (Hrsg.): Zur Theorie der politischen Kommunikation. München: Piper, S. 193–205.
  • Schmidt, Siegfried J. (1994b): „Die Wirklichkeit des Beobachters.“. In: Merten, Klaus; Schmidt, Siegfried J.; Weischenberg, Siegfried (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen: Westdt. Verl., S. 3–20.
  • Schmitz, Ulrich (2004): Sprache in modernen Medien. Einführung in Tatsachen und Theorien, Themen und Thesen. Berlin: Schmidt.
  • Scholl, Arnim (2011): „Die Wirklichkeit der Medien. Armin Scholl über den Konstruktivismus in der Kommunikations- und Medienwissenschaft.“. In: Pörksen, Bernhard (Hrsg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, S. 443–462
  • Wehling, Elisabeth (2016): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Köln: Halem.
  • Wulff, Hans Jürgen; Lehmann, Ingo (2008): „Kultivierungshypothese.“. In: Sander, Uwe; von Gross, Friederike; Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Handbuch Medienpädagogik. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss., S. 274–277.

DR. CLARA HERDEANU

SPRACHLICHE REALITÄTEN

Reflexionen einer Linguistin über Sprache, Macht und Medien

Jeder von uns verwendet Sprache. Jeden Tag. 

 

Sprache prägt unser Denken und unsere Weltbilder. Mit Sprache wird in sozialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen Macht ausgeübt. Mit linguistischen Analysen lässt sich Licht in das Spannungsfeld von Sprache, Macht und Medien bringen.


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