Linguistische Diskursanalyse

Methodik der pragmatisch-semiotischen Textarbeit

Diskurse sind Text- und Gesprächsnetze zu einem Thema, die mit Macht verbunden sind und als Formationssystem von Wissen dienen. Um die durch die mittels Sprache kommunizierten und sich manifestierenden Spuren des Denkens innerhalb eines Diskurses herauszufiltern, können Spracherzeugnisse – also Texte und Gespräche – linguistisch analysiert werden.

 

Eine Möglichkeit bietet die sogenannte pragma-semiotische Textarbeit. Mit dieser Methodik untersuchen Linguisten sprachliche Äußerungen – also z.B. Zeitungstexte – auf fünf Ebenen:

  1. Ebene der Lexik: Analyse der Schlüsselwörter
  2. Ebene der Syntagmen: Analyse der Wortverbindungen, um wiederkehrende Muster herauszufiltern
  3. Ebene der Äußerungseinheit: Analyse von z.B. Sätzen zum Satzbau, markanten Satzteilen (z.B. Verben und ihre grammatischen Kategorien, Modalwörter etc.)
  4. Ebene des Textes: Analyse des Textinhalts, Textkohärenz, Textfunktion, Intertextualität
  5. Ebene der Text-Bild-Beziehungen: Zusammenspiel von Text und eingesetztem Bildmaterial

Die einzelnen Ebenen sind in der Praxis nicht so streng voneinander zu treffen, wie es diese Aufteilung suggeriert. Allerdings bietet die Aufteilung einen guten Ausgangspunkt, um methodisch sauber zu analysieren. Ziel der pragma-semiotischen Textarbeit ist, die sich durch den jeweiligen Sprachgebrauch (=pragma-) definierten Bedeutungen (=semiotische) sprachlicher Äußerungen durch die intensive Beschäftigung mit Texten (=Textarbeit), die einen übergeordneten Diskurs bilden, zu verfolgen und nachzuvollziehen. Dabei werden diejenigen Konzepte eines Diskurses herausgearbeitet, die für das grundlegende Verständnis des Diskurses relevant sind und ihn im besonderen Maße beeinflussen und steuern (handlungsleitende Konzepte).

Das semiotische Dreieck

In der Linguistik wird gerne differenziert und abstrahiert – eben weil man ständig die Kategorien, in denen man normalerweise denkt, hinterfragt. Und so differenziert der Linguist auch zwischen Sprache und Welt. Ein Hilfsmittel, um dies anschaulich und schematisch darzustellen, ist das sogenannte semiotische Dreieck.

Grundlage des semiotischen Dreiecks ist die ontische Ebene (rechts unten), die des Seins, d.h. dessen, was in der Welt gegeben ist. Dies können Personen, Objekte, Ereignisse oder Sachverhalte sein.

 

Ihr gegenüber steht die Ebene des sprachlichen Ausdrucks – d.h. die Art und Weise, wie Sachverhalte, Objekte und Personen bzw. Akteure versprachlicht werden.

 

Dies führt zur interpretatorischen Ebene mit Begriffen (in der Linguistik nicht verstanden als Buchstabenabfolge, sondern als Einheit, die den Inhalt eines Wortes betrifft) und Konzepten.

 

Die weitere Abstraktion auf der interpretatorischen Ebene führt zu den verstehensrelevanten Wissens- und Deutungsrahmen, den Frames, die unser Wissen strukturieren. Geht man noch einen weiteren Abstraktionsschritt weiter, gelangt man zu den sogenannten Matrixframes – grundlegende Kategorien, in denen sich alle sprachlichen Bezeichnungen zusammenfassen lassen (Zustand, Teil, Gesamtheit, Handlung, Ereignis, Organismus, Person, Gruppe/Institution, Artefakt, natürlicher Gegenstand, sich entwickelnder Gegenstand).

 

Dieser Dreiklang an ontischer Ebene, sprachlichen Äußerungen und unseren Interpretationen führt zu den Weltbildern, die wir in unseren Köpfen tragen. Die linguistische Untersuchung eines Diskurses erfolgt auf der sprachlichen Ebene und erlaubt Rückschlüsse auf die interpretatorische Ebene. Die Sprache ist dabei wie eine Folie, eine getönte Brille, durch sie wir auf die uns umgebende Welt schauen und sie – eben auch durch die spezifische Art und Weise der Versprachlichung – interpretieren.

pragma: linguistische Sprechakttheorie

Die Bezeichnung der pragma-semiotischen Textarbeit für die linguistische Methode, einen Diskurs zu untersuchen, liefert dabei Rückschlüsse auf die Verortung der Methodik. So verweist das Attribut pragma (von altgriechisch πρᾶγμα = die Sache) auf das linguistische Konzept der sogenannten Sprechhandlungen. Teilnehmer von Kommunikationssituationen bzw. eines Diskurses handeln mit Sprache. Ja, wir verändern mit sprachlichen Äußerungen die uns umgebende Realität, z.B. mit Aussagen wie "Hiermit ernenne ich euch zu Mann und Frau". Nach Äußerung dieses Satzes gilt das angesprochene Paar als verheiratet; es hat also eine Veränderung ihres Status und der Welt stattgefunden.

 

Der US-amerikanische Philosoph John Roger Searle unterteilte sprachliche Handlungen in vier Sprechakte:

  • Äußerungsakt: Der Äußerungsakt erfolgt durch Wörter, die grammatisch wohlgeformt oder nicht wohlgeformt sein können.
  • Propositionaler Akt: Mit dem propositionalen Akt trifft der Sprecher Aussagen über die Welt, die wahr oder falsch sein können.
  • Illokutionärer/illokutiver Akt: Der illokutionäre Akt betrifft den Handlungswert eines Sprechaktes, der glücken oder nicht glücken kann. Der Sprecher kann also demnach etwas mitteilen, feststellen, warnen, drohen oder empfehlen.
  • Perlokutionärer/perlokutiver Akt: Als perlokutionärer Akt wird der Zweck bzw. die intendierte Reaktion des Lesers oder Hörers bezeichnet, der erfolgreich oder nicht erfolgreich sein kann.

Jede sprachliche Äußerung lässt sich außerdem in eine der fünf grundlegenden Sprechaktklassifikationen einteilen:

  • Assertiva/Repräsentativa: Mit Assertiva machen Sprecher Aussagen über die Welt, so wie sie sie wahrnehmen (Bsp.: "Heute scheint die Sonne.")
  • Direktiva: Direktive Sprechakte sind an die Hörer bzw. Leser gerichtet und mit Forderungen verbunden, etwas zu tun oder nicht zu tun (Bsp.: "Putz bitte noch die Küche, bevor Du gehst").
  • Kommissiva: Mit kommissiven Sprechakten geht ein Sprecher Verpflichtungen ein (Bsp.: "Ich verspreche, dir eine Karte zu schicken").
  • Expressiva: Expressive Sprechakte werden verwendet, um soziale Kontakte zu etablieren und zu pflegen (Bsp.: "Entschuldige bitte, dass ich dich nicht angerufen habe").
  • Deklarativa: Deklarative Sprechakte sind institutionell eingebunden und bringen eine Veränderung der Realität mit sich (Bsp.: "Hiermit verurteile ich den Angeklagten").

semiotisch: Bedeutung von Zeichen

Menschliche Sprache ist ein System an Zeichen – also von Einheiten, die stellvertretend für andere Einheiten stehen. Wissenschaftlich betrachtet wird die Beschaffenheit und Funktion von Zeichen in der sogenannten Semiotik (von altgriechisch σημεῖον = das Zeichen), der Lehre von den Zeichen.

 

Der Semiotiker Charles Sander Peirce unterschiedet drei Arten an Zeichen:

  • Index/Symptom: Zeichen, die Rückschlüsse auf eine Ursache-Folge-Beziehung schließen lassen (Bsp.: ein Blitz ist ein Index für ein Gewitter)
  • Ikon: Zeichen, die Ähnlichkeit zum bezeichneten Gegenstand vorweisen (Bsp.: Strichmännchen als Zeichen für Menschen)
  • Symbol: Zeichen, die weder in einer Ursache-Folge-Beziehung zum Gegenstand stehen noch eine Ähnlichkeit zum Gegenstand innehaben (Bsp.: die Buchstabenabfolge B-A-U-M, die für große Pflanzen mit Stamm, Blättern und Wurzeln stehen)

Sprachliche Zeichen sind demnach Symbole. Sprachliche Zeichen sind willkürlich gewählt, da keine naturgegebene Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem besteht. Sie müssen aber auch konventionell gefestigt sein, um verständlich zu sein. Das heißt nichts anderes, als dass sich eine Sprachgemeinschaft bewusst oder unbewusst auf die Nutzung von bestimmten Buchstabenabfolgen, also Wörtern, einigen muss.

 

Sprachliche Zeichen, also Wörter, haben keine Bedeutung für sich, sondern mit ihnen wird überhaupt erst Bedeutung gemacht.



Weiterführende Literatur

  • Busse, Dietrich (1992): Textinterpretation. Sprachtheoretische Grundlagen einer explikativen Semantik. Opladen: Westdeutscher Verl.
  • Felder, Ekkehard (1995): Kognitive Muster der politischen Sprache. Eine linguistische Untersuchung zur Korrelation zwischen sprachlich gefaßter Wirklichkeit und Denkmustern am Beispiel der Reden von Theodor Heuss und Konrad Adenauer. Frankfurt am Main; Berlin; Bern; Wien [u.a.]: Zugl.: Freiburg (Breisgau), Univ., Diss., 1994.
  • Felder, Ekkehard (2003): Juristische Textarbeit im Spiegel der Öffentlichkeit. Berlin [u.a.]: Zugl.: Münster, Univ., Habil.-Schr., 2002.
  • Felder, Ekkehard (2006): „Semantische Kämpfe in Wissensdomänen. Eine Einführung in Benennungs-, Bedeutungs- und Sachverhaltsfixierungs-Konkurrenzen.“. In: Felder, Ekkehard (Hrsg.): Semantische Kämpfe. Macht und Sprache in den Wissenschaften. Berlin; New York: 19, S. 13–46.
  • Felder, Ekkehard (2007a): „Text-Bild-Hermeneutik. Die Zeitgebundenheit des Bild-Verstehens am Beispiel der Medienberichterstattung.“. In: Hermanns, Fritz; Holly, Werner (Hrsg.): Linguistische Hermeneutik. Theorie und Praxis des Verstehens und Interpretierens. Tübingen: Niemeyer, S. 357–385.
  • Felder, Ekkehard (2007b): „Von der Sprachkrise zur Bilderkrise. Überlegungen zum Text-Bild-Verhältnis im Paradigma der pragma-semiotischen Textarbeit.“. In: Müller, Friedrich (Hrsg.): Politik, [Neue] Medien und die Sprache des Rechts. Berlin: Duncker & Humblot, S. 191–219.
  • Felder, Ekkehard (2009a): „Sprache – das Tor zur Welt!? Perspektiven und Tendenzen in sprachlichen Äußerungen.“. In: Felder, Ekkehard; Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V. (Hrsg.): Sprache. Berlin; Heidelberg: Springer, S. 13–57.
  • Felder, Ekkehard (2009b): „Sprachliche Formationen des Wissens. Sachverhaltskonstitution zwischen Fachwelten, Textwelten und Varietäten.“. In: Felder, Ekkehard; Müller, Markus (Hrsg.): Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerkes „Sprache und Wissen“. Berlin; New York: de Gruyter, S. 21–77.
  • Felder, Ekkehard (2012): „Pragma-semiotische Textarbeit und der hermeneutische Nutzen von Korpusanalysen für die linguistische Mediendiskursanalyse.“. In: Felder, Ekkehard; Müller, Markus; Vogel, Friedemann (Hrsg.): Korpuspragmatik. Thematische Korpora als Basis diskurslinguistischer Analysen. Berlin; Boston: De Gruyter, S. 115–174.
  • Felder, Ekkehard; Müller, Markus (Hrsg.) (2009): Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerkes „Sprache und Wissen“. Berlin; New York: de Gruyter.
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  • Konerding, Klaus-Peter (1993): Frames und lexikalisches Bedeutungswissen. Untersuchungen zur linguistischen Grundlegung einer Frametheorie und zu ihrer Anwendung in der Lexikographie. Tübingen: Zugl.: Heidelberg, Univ., Diss., 1993.
  • Konerding, Klaus-Peter (2007): „Themen, Rahmen und Diskurse – Zur linguistischen Fundierung des Diskursbegriffes.“. In: Warnke, Ingo H. (Hrsg.): Diskurslinguistik nach Foucault. Theorie und Gegenstände. Berlin; New York: de Gruyter, S. 107– 139.
  • Linke, Angelika; Nussbaumer, Markus; Portmann, Paul R. (1994): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
  • Nöth, Winfried (2000a): Handbuch der Semiotik. Stuttgart; Weimar: Metzler.
  • Nöth, Winfried (2000b): „Der Zusammenhang von Text und Bild.“. In: Brinker, Klaus; Antos, Gerd; Heinemann, Wolfgang; u. a. (Hrsg.): Text- und Gesprächslinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. Berlin [u.a.]: de Gruyter, S. 489–496.
  • Ogden, Charles K.; Richards, Ivor A. (1974): Die Bedeutung der Bedeutung. Eine Untersuchung über den Einfluss der Sprache auf das Denken und über die Wissenschaft des Symbolismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Searle, John R. (1988): Speech acts. An essay in the philosophy of language. Cambridge: Cambridge Univ. Pr.
  • Searle, John R. (1993): Expression and Meaning. Studies in the Theory of Speech Acts. Cambridge [u.a.]: Cambridge Univ. Pr.
  • Searle, John R. (1995): The construction of social reality. New York [u.a.]: Free Pr.
  • Spieß, Constanze (2011): Diskurshandlungen. Theorie und Methode linguistischer Diskursanalyse am Beispiel der Bioethikdebatte. Berlin [u.a.]: Zugl.: Trier, Univ., Diss., 2010.
  • Wimmer, Rainer (1979): Referenzsemantik. Untersuchungen zur Festlegung von Bezeichnungsfunktionen sprachlicher Ausdrücke am Beispiel des Deutschen. Tübingen: Zugl.: Heidelberg, Univ., Habil.-Schr., 1976.

 

Dr. Clara Herdeanu

Sprachliche Realitäten

Reflexionen einer Linguistin über Sprache, Macht und Medien

Jeder von uns verwendet Sprache. Jeden Tag. 

 

Sprache prägt unser Denken und unsere Weltbilder. Mit Sprache wird in sozialen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen Macht ausgeübt. Mit linguistischen Analysen lässt sich Licht in das Spannungsfeld von Sprache, Macht und Medien bringen.


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